DAS SCHWEIZER E-BIKE-MAGAZIN

Auf den Spuren der Gauchos

Vier Jahreszeiten an einem Tag. Patagonien, das sich in Südamerika über 2000 km durch Chile und Argentinien zieht, hat aber noch eine Menge mehr zu bieten als Wetterkapriolen. Es ist der Sehnsuchtsort für Naturliebhaber, Abenteurer und Alpinisten, die mit sich und der unberührten Natur allein sein wollen.

Die Nadel des über 100 Jahre alten Grammophons kratzt über die Rillen der Schallplatte. Aus dem grossen Trichter knistert der Sound eines Tangos. Tito ist sichtlich stolz auf dieses Erbstück von seinem Grossvater. Es ist ein Andenken an eine Zeit, in der die ersten Siedler aus Argentinien unten in Zentralpatagonien ihr Glück versuchten. Tito ist ein Gaucho, wie man ihn sich aus Filmen vorstellt: Seine Haut ist ledrig, sein Körper von der Arbeit auf dem Feld und mit den Pferden drahtig. Man sieht dem 62-Jährigen das harte Leben an. Sein Blick fällt auf unsere Hightech-E-Bikes. «Früher haben wir nicht in Wochen oder Monaten gerechnet, sondern in Jahreszeiten. So lange hat es gedauert, um unsere landwirtschaftlichen Produkte oben im Norden gegen andere Waren zu tauschen. Ihr, auf euren elektrischen Pferden, ihr seht aus, als kämt ihr direkt aus der Zukunft.» Er deutet auf den Berg hinter seinem Hof und auf einen Pfad, der direkt hinter dem Haus beginnt. «Von dort sind meine Vorfahren gekommen. Wenn ihr Lust habt, geht morgen nach Sonnenaufgang los und schaut euch die Kulisse meiner Heimat von oben an.» Klar nehmen wir diese Einladung an. Was für eine Frage!

Aysen – das unbekannte Patagonien im Zentrum des Landes
Es gibt Orte auf dieser Welt, da zaubert einem das Gehirn oder die Google-Bildersuche sofort bestimmte Visionen in den Kopf. Patagonien ist so ein Ort. Schroffe Bergspitzen, die in glühendem, rotem Sonnenlicht leuchten; tiefblaue Seen vor gewaltigen Gletschern. Das ganze Gebiet erstreckt sich in Chile und Argentinien über 2000 Kilometer, ist ungefähr 25 Mal so gross wie die Schweiz, hat aber viermal weniger Einwohner. Patagonien ist ein absoluter Sehnsuchtsort für Naturliebhaber, Abenteurer und Alpinisten. 

Für Mountainbiker ist dieser Teil Südamerikas allerdings noch immer ein ziemlich weisser Fleck auf der Landkarte. Genau das will Pato ändern. Patricio, so sein richtiger Name, hat noch während der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 die Grossstadt Santiago de Chile hinter sich gelassen, um in der menschenleeren Weite von Zentralpatagonien seine Ruhe zu finden. Als passionierter Mountainbiker, Guide und Bergsteiger schien sein neues Zuhause sowieso mehr Potenzial zu haben. «Die Touristen-Hotspots hier unten jucken mich aber nicht», erklärt Pato. «Torres del Paine oder El Chaltén: Das sind ohne Frage wunderschöne Gegenden. Aber für meinen Geschmack sind sie schon viel zu überlaufen. Ausserdem darfst du da nur auf breiten Schotterpisten fahren, also nix für mich!» Deshalb hat Pato sich mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in Villa Cerro Castillo in Zentralpatagonien niedergelassen. Die Region Aysen wird für die nächsten zwei Wochen der Ausgangspunkt unseres Mountainbike-Abenteuers sein. Wir, das sind unser Guide Pato, mein Kumpel und Profi-Biker Tom Öhler und ich, der versucht, die ganze Reise zu dokumentieren. Ob es etwas zu bedenken gibt, fragen wir Pato vor der Abreise. «Nehmt warme Klamotten mit», schreibt er uns auf WhatsApp. «Hier in Patagonien kannst du vier Jahreszeiten an einem Tag erleben.»

Coyhaique – das Whistler von Patagonien
Nach einer Reise, die fast 48 Stunden dauert, landen wir endlich in Balmaceda. Ende März ist auf der Südhalbkugel Herbst. Perfekte Bedingungen zum Biken, versichert uns Pato. Noch nicht zu kalt, aber dafür knallige Farben und ein Wahnsinnslicht. In Coyhaique merken wir sofort, dass sich hier eine lebendige Bike-Community gebildet hat. Es gibt etliche Bikeshops und Pato schwärmt von über einem Dutzend markierter und mit viel Liebe angelegter Biketrails direkt auf dem Berg hinter der Stadt. Unser Plan: zum Sonnenaufgang rauf auf den Gipfel. Die Berge leuchten in einem sanften, orangeroten Licht. Wir erreichen die Radarstation, machen die Tür von Patos Pickup nur einen kleinen Spalt auf und der heftige Wind reisst sie uns beinahe aus den Fingern. Es ist eiskalt, gefühlt mindestens zehn Grad kälter als unten in der Stadt. Die Aussicht von hier oben ist der absolute Hammer, aber lange wollen wir uns dem Wind und der Kälte nicht aussetzen. «Vamos hermanos», ruft uns Pato motiviert zu und tritt kräftig in die Pedale. 

Der Trail schlängelt sich zuerst über loses, schottriges Gelände. Die Landschaft erinnert an Island. Wir malen wellige Linien in den Boden und fühlen uns wie Freeride-Skifahrer, die ihre grossen Schwünge ziehen. Nach ein paar hundert Höhenmetern erreichen wir die Baumgrenze. Die Szenerie ändert sich schlagartig. Die Bäume sind von Flechten überzogen, was auf hohe Luftfeuchtigkeit und gute Luftqualität hindeutet. Pato und Tom kommen in den Flow und jagen sich gegenseitig die kurvigen Trails hinunter. Mountainbiken vom Allerfeinsten! «Lass uns das gleich nochmal machen», ruft Tom begeistert unserem Guide zu, als wir den Stadtrand von Coyhaique erreichen und abklatschen. Unser Shuttle steht bereit. Auf geht‘s zur nächsten Runde. 

Oben angekommen, entscheiden wir uns diesmal für eine andere Abfahrt. Über einen gewaltigen Schotterhang geht es abwärts. Nach ein paar Kilometern stehen wir vor einem Skilift, der schon bessere Tage hatte. «Eigentlich war unser Plan, hier einen Bikepark mit Lift-Shuttle zu bauen», erklärt uns Pato. Nach der anfänglichen Euphorie musste man aber einsehen, dass es hier, im Gegensatz zum grossen Vorbild Whistler, einfach zu wenige potenzielle Biker für so ein Angebot gibt. Uns ist das egal. Dank Patos Shuttle und unseren E-Bikes kommen wir auch so ohne grosse Anstrengung zu den Trails. Nach den ersten Tagen können wir nachfühlen, warum sich hier eine derart lebhafte Szene entwickelt hat. Zurück in der Stadt schlendern wir durch die Strassen, lauschen dem Gitarrenspiel eines argentinischen Strassenmusikers und decken uns mit den typischen Souvenirs ein.

Den kompletten Bericht gibt es in der Ausgabe 2/25 im Magazin easybiken zu lesen.

Text und Fotos: Martin Bissig
aus: easybiken, Heft Nr. 2/2025

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